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Der letzte Förderkreisbrief

Gevelsberg, den 29. August 2010

Liebe Unterstützer meines Förderkreises,

inzwischen bin ich schon seit zwei Wochen zurück in Deutschland. Noch habe ich nicht alle von Ihnen wiedergesehen, was sich aber sicherlich im Laufe der nächsten Tage und Wochen ändern wird.

Schon jetzt ist es richtig schön, wieder Zeit mit der Familie und guten Freunden zu verbringen.  Einige von ihnen haben mich in Ecuador besucht, sodass sie meinen Alltag in Quito kennenlernen konnten. Es ist schön, zu wissen, dass diese Menschen eine genaue Vorstellung von meinem Leben dort haben. Aber auch all den Anderen möchte ich in diesem letzten Förderkreisbrief ein Bild vermitteln, wie ich auf mein Freiwilliges Soziales Jahr in Ecuador insgesamt zurückblicke.

Oft werde ich nun gefragt: „Und, wie war´s?“. Was zugegebenermaßen keine leicht zu beantwortende Frage ist, aber ich werde mich im Folgenden bemühen.
Für mich war das Jahr vor allem eine Zeit mit deutlich mehr Höhen, aber auch ein paar Tiefen, ein Jahr mit vielen Freiheiten und Veränderungen und ein Jahr, in dem ich so Einiges lernen konnte.
Rückblickend war es vor allem anfangs in der Schule gar nicht so einfach. Theresa und ich waren die ersten Freiwilligen, die für ein Jahr dort tätig waren, sodass wir uns erst einmal unsere Aufgaben suchen mussten. Wir setzten unsere Prioritäten dann auf den Englischunterricht, den wir schließlich täglich in fünf Klassen realisieren konnten.

Zunächst standen wir allerdings vor ein paar Herausforderungen: Wie gestalten und strukturieren wir unseren Unterricht, wie motivieren wir unmotivierte Kinder, und wie gelingt uns die Gratwanderung, einerseits „teacher“ zu sein, der seinen Schülern viel beibringt, und andererseits Ansprechpartner und Vertrauter ?

Nach und nach gewöhnten wir uns aber an den Schulalltag und mir gefiel es, nach 13 Jahren Schulbank nun mal für ein Jahr selbst an der Tafel zu stehen. Theresa und ich nutzten unsere Freiheiten aus und wurden so manches Mal ziemlich kreativ. Oft habe ich überlegt und überlegt, wie Kinder lernen und trotzdem Spaß haben können. Da halfen mir dann Ideen meiner eigenen Grundschullehrerin oder von Ceci, meiner Gastmutter, weiter. Bingo? Laufdiktat? Oder ein Mini-Aufsatz? Meistens gingen meine Pläne auf, manchmal aber auch nicht. Anfangs hat mich das frustriert, aber später konnte ich um einiges besser damit leben. Nicht jede Unterrichtsstunde kann perfekt sein.

Auch war es eine bereichernde Erfahrung, Teil eines Lehrerteams zu sein, in dem man sofort integriert wird. Zu Festen wird man selbstverständlich auch eingeladen und die Atmosphäre war sowieso immer gleich sehr familiär. Mit einer Lehrerin, Amparo, bin ich inzwischen gut befreundet und habe durch sie die Abendschule kennengelernt. Theresa und ich konnten all unsere Pläne in der Schule wenn wir wollten ganz alleine umsetzen. Doch wenn wir um Hilfe baten, wurden wir immer unterstützt. Und so ist es kein Wunder, dass uns die Arbeit Spaß machte und wir uns weder über- noch unterfordert fühlten.

Doch ich lernte auch, den Mund auf zu machen. Nicht, dass ich das vorher nicht gekonnt hätte. Aber Ecuadorianer reagieren oft sehr empfindlich auf direkte Kritik, die man in Deutschland ja eigentlich eher schätzt. So habe ich dann z.B. den Sportlehrer irgendwann (für Deutsche übertrieben) höflich gefragt, ob es nicht vielleicht unter Umständen eventuell möglich wäre, seine unheimlich wichtigen Fußballtrainingseinheiten mit den Kindern nicht permanent in meinen Englischunterricht zu legen. Hat aber funktioniert.

Da die Schule in einem sozialen Brennpunkt gelegen ist, wurden wir immer wieder mit der Armut konfrontiert. Das fing schon mit dem neuen Englischheft an, das die Kinder brauchten. Unzählige Male hörte ich den Satz: „Mi mamá no tiene plata.“ („Meine Mama hat kein Geld.“), wenn ich fragte, warum sie immer noch auf losen Blättern schreiben, die irgendwann in der Schultasche verschwinden und nie wieder gesehen wurden… Meistens beginnt totale Armut aber erst mit einem unerwarteten Schicksalsschlag, der das Leben der Familie komplett verändert. So brannte über Nacht das Haus von Maria Josés Familie ab, und somit der gesamte Besitz der Familie.

Insgesamt habe ich gemerkt, dass ich tatsächlich in der Lage bin, den Kindern einiges beizubringen. Andererseits habe ich auch gemerkt, wie viel Geduld man als Lehrerin aufbringen muss, und wie anstrengend es sein kann, Dinge mehr als drei Mal zu wiederholen.

Natürlich habe ich unglaublich viele Ecuadorianer, aber auch andere Freiwillige kennengelernt. Ich habe gemerkt wie leicht es ist, neue Leute kennenzulernen, aber wie schwierig es ist, echte Freunde zu finden. Meine Gastfamilie war dabei das ganze Jahr über eine Konstante für mich, vor allem meine Gastmutter war schon ab dem Beginn meines Jahres eine Vertrauensperson für mich. Durch viele Ausflüge, gemütliche Abende, Familienfeste und besonders im gemeinsamen Alltag verbrachte ich viel Zeit mit meiner Familie. Ich habe mich wirklich wie die Tochter meiner Gasteltern gefühlt. Auch Norma, die Frau meines Gastbruders, ist „amiga mia“. Durch sie konnte ich das einfache, aber erlebenswerte Landleben an der Küste kennenlernen. Duschen mit Eimern und Suppe, Patacones (fritierte zerquetschte Kochbananen), Hühnchen und Reis zum Frühstück um halb sieben – das war noch mal ein vollkommen anderes Leben als das in Quito.

Anders als das Familienleben, in dem ich mich sofort hundertprozentig integriert und pudelwohl fühlte, war es schwieriger als ich es erwartet hätte, gute Freunde zu finden. Bis sich dann schließlich die Freundschaften entwickelt hatten, die ich mir auch vorher schon gewünscht hatte, war über ein halbes Jahr vergangen. Inzwischen bin ich nach wie vor mit Anna, einer Ecuadorianerin, die ganz in meiner Nähe gewohnt hat, in gutem Kontakt. Mit ihr war ich so einige Nachmittage und Abende am Wochenende unterwegs, und habe auch noch viele weitere Bekanntschaften durch sie gemacht.

Viel gereist bin ich aber vor allem mit Theresa, Lena, Sabine, Sigrún und Anna (nicht die aus Quito, sondern eine Finnin). Sie alle sind zu sehr guten Freundinnen für mich geworden, und ein Nachtreffen nächstes Jahr in Island ist schon vorgesehen.

Abschließend betrachtet hat mein Jahr das erfüllt, was ich mir gewünscht hatte. Mit meinem Projekt in der Schule hatte ich sehr viel Glück, weil ich viele Freiheiten hatte und selbstständig unterrichten konnte, was verglichen mit anderen Projekten eine absolute Ausnahme war. Manchmal denke ich, dass wir in der Schule auch Kunst oder Musik hätten unterrichten sollen, weil den Kindern die Kreativität oft fehlt. Andererseits konnten wir den Kindern in diesem einen Jahr intensiv Englisch beibringen, was ihnen bestimmt in Zukunft auch noch weiterhelfen wird.
Insgesamt habe ich auch gemerkt, wie viel besser und authentischer man ein Land doch kennenlernen kann, wenn man erst mal die  Einwohner richtig kennt. So habe ich jetzt das Gefühl, die Vielfalt in Ecuador, aber auch die so unterschiedlichen Ecuadorianer wirklich zu verstehen.

An dieser Stelle noch mal ein großes Dankeschön an Sie alle, die mir dieses letzte Jahr mit all seinen Erfahrungen, Erlebnissen und Bereicherungen mitermöglicht haben.


¡Con muchos saludos de Alemania!

Theresia Clajus



 
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